Was macht die Taucherin, wenn sie nicht taucht?

Datum: 
24.10.2012

– Ein Blick hinter die Kulissen des Nationalpark-Zentrums Multimar Wattforum

Was für ein Tauchrevier! Klares Wasser, durch das die Lichtstrahlen bis auf den Grund fallen, keine Strömung und beeindruckend große Fische,

die so zutraulich sind, dass sie Nicole Pekruhl aus der Hand fressen. „Das sind schon optimale Bedingungen“, sagt sie und lacht. Ihr Revier sind die Großaquarien im Nationalpark-Zentrum Multimar Wattforum. Hier ist sie eine von drei Tauchern, die zweimal wöchentlich für eine Show-Fütterung mit Kopfhörer und Mikro in das große Panorama-Becken steigen, um Fragen aus dem Publikum direkt aus der Unterwasserwelt zu beantworten. An den anderen Tagen werden die Fische von der Stahlgitterbrücke, die das 250.000-Liter-Becken überspannt, gefüttert. Heute gibt es Heringsklein für Seelachs, Stör und Kabeljau, und die Wellen schlagen hoch beim Kampf um die dicksten Brocken. Die Rochen, die sieben Meter weiter unten über den Boden gleiten, bekommen davon nichts mit. Für sie lässt Nicole Pekruhl ein Rohr mit einer Portion Krabben am Seil vorsichtig hinunter. „Aquarianerin“ nennt sich die 39-Jährige Biologin im Job. Und der beinhaltet neben tauchen und füttern auch das Unterrichten von Schulklassen, Besucherführungen auf Englisch, Laborarbeiten, Tierpflege, Zucht und – Unter-Wasser-Fensterputzen. „Ja“, sagt sie, „das Reinigen hört nie auf. Wenn wir hinten fertig sind, können wir vorne wieder anfangen.“ Die meisten der 21 großen und 15 kleineren Aquarien können mit Schwämmen an langen Stielen gereinigt werden, doch für die Sechsunddreißig-Quadratmeter-Panorama-Scheibe muss sie in das 11 Grad kalte Wasser abtauchen – mit Skiunterwäsche und vier bis fünf Paar Socken unter dem Tauchanzug. Insgesamt wiegt die Ausrüstung 50 Kilo – ungefähr so viel wie sie selbst. So romantisch die Stimmung vor dem Großbecken ist – sanfte Klänge, das bläuliche, durchs Wasser gefilterte Licht und die majestätischen Bewegungen der großen Fische – so unromantisch ist die Welt dahinter: Es ist hell in den so genannten Katakomben. Dicke, mit schwarzem Schaumstoff isolierte Rohre laufen an den Betonwänden entlang zu den riesigen Filtertürmen, Elektromotoren brummen. Sie treiben die Pumpen an, die Tag und Nacht für Wasseraustausch und Sauerstoff sorgen. Mit der Technik muss sich Nicole Pekruhl darum natürlich auch auskennen. „Was andere als störenden Lärm empfinden, bin ich so gewöhnt – ich höre es nur, wenn mal ein einzelnes Summen fehlt. Dann weiß ich, eine Pumpe ist ausgefallen.“ Als studierte Biologin ist ihr Hauptarbeitsplatz aber die „Quarantäne“. Hier reihen sich Kleinstaquarien im Schuhkartonformat aneinander, es gibt flache und tiefe Becken – bewohnt nicht von kranken Tieren, wie der Name vermuten lässt, sondern von Neuzugängen oder Nachzüchtungen. Kaum fingernagelgroße Quallen schweben in aufgeschnittenen Plastikflaschen sanft pulsierend im Kreis. „Bei der Nachzucht muss man kreativ sein, um die besten Bedingungen zu schaffen“, sagt Pekruhl. Kleine Haie sind beispielsweise blind, denen puhlt und must sie eine Garnele und füttert dann mit der Pinzette. Das Fischfutter für die Baby-Krebse wird gemörsert und mit dem Salzstreuer ins Becken gegeben. Aber nicht jede Art kann nachgezüchtet werden. Pekruhl: „Die meisten Fische geben Eier und Spermien ins Wasser ab, wo diese sich treffen sollen. Im Aquarium funktioniert das nicht, denn das Wasser wird ständig ausgetauscht.“ Manche Tiere können aus anderen Aquarienausstellungen eingetauscht werden. Aber manchmal geht auch das nicht, dann geht es für die Biologin auch mal mit dem Schiff raus aufs Meer. Gefischt werden zum Beispiel Korallen wie die „Tote Mannshand“ – mitsamt dem Stein, auf dem sie wachsen. Namen haben ihre Schützlinge alle nicht, glitschig sind sie und kalt und meistens durch eine Glasscheibe von ihr getrennt. Baut sie trotzdem eine Beziehung zu ihnen auf? „Na klar! Da bin ich Mädchen“, sagt sie lachend und zeigt auf einen gut dreißig Zentimeter langen leuchtend violetten Hummer, der sich rücklings in seine Höhle verkriecht: „Den haben wir als Larve bekommen, und jetzt ist er schon so groß!“ Oder ein Aquarium weiter: „Die kleinen Seehasen sind einfach süß!“ Und wenn die Rochen oder Katzenhaie beim Füttern die Mäuler aus dem Wasser strecken und ihr aus der Hand fressen – „da baut sich schon eine Beziehung auf, auch wenn ich sie nicht kuscheln kann.“

Hinweis: Folgende Bilder maile ich Ihnen bei Nachfrage gerne in höherer Auflösung zu (Copyright-Hinweis zu allen Fotos: Thomsen):

Bild: 
Die Multimar-Taucherin am Großbecken